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Wetterauer-Zeitung (04. Februar 2010)

 

»Nicht abwarten, bis die Situation eskaliert«

 

Echzell (arc). Abzuwarten, bis es zu Eskalationen kommt, ist ein häufiger Fehler, den Bürger und Kommunen im Umgang mit Rechtsextremen machen. Deshalb freute sich der Soziologe Helge von Horn vom Beratungsnetzwerk Hessen besonders über das große Interesse an der ersten Veranstaltung der neuen Bürgerinitiative (BI) »Grätsche gegen Rechtsaußen«. Die BI hat sich unter anderem gegründet, um den Ausbau des »Stützpunktes einer ultrarechte Gruppierung« in Gettenau zu verhindern, wie es in ihrem Flyer heißt.

 

Dass so schnell reagiert wurde und der Vortrag zum Thema Rechtsextremismus am Mittwoch im Gettenauer Saal »Zum Stern« von so vielen Bürgern, Vereinsvertretern, Vertretern der Kirchen und der Kommunalpolitik besucht wurde, hält der Soziologe für ein gutes Zeichen. »Oft reagieren die Bürger erst, wenn es zu schweren Eskalationen gekommen ist. Dann ist es aber umso schwerer, etwas gegen die Extremisten zu tun.«

Wie Olivia Bickerle von der Bürgerinitiative berichtete, hätten einige Mitglieder der rechten Gruppierung versucht, in den Saal zu gelangen. Zuvor hätten sie angekündigt, den Laden »aufzumischen«. So fand der Vortrag im »Stern« unter den Augen der herbeigerufenen Polizei statt, die auch in diesem Bereich Streife fuhr. Nach der Veranstaltung wurde die Sprecherin der BI, Petra Köhler-Nau, mit Polizeischutz nach Hause gebracht.

 

Glatze kein Merkmal mehr

 

Das Bild der Rechtsextremisten habe sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert, berichtete der Soziologe von Horn. Es seien längst nicht mehr die Männer in Bomberjacken, hohen Schnürstiefeln und mit Glatze, die mit Baseballschlägern durch die Straßen zögen. Trotzdem zogen einige Personen im hinteren Bereich des Saals die Blicke auf sich - sahen sie doch genauso aus, wie man sich den typischen Rechtsextremen vorstellt. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Es waren Bekannte des Dozenten, die später im Gespräch erklärten: »Nicht alle Skinheads sind Rechtsextremisten. Doch die, die es sind, machen unseren Ruf kaputt.«

Die alte Weisheit »Kleider machen Leute« lässt sich in diesem Bereich also nicht mehr anwenden. Wie Demonstrationen beweisen, tragen Rechtsextreme heute sogar Kleidung, die man früher Autonomen zuordnete, wie etwa das Palästinenser-Tuch. Auch die Parolen ordne man auf den ersten Blick eher den Linken zu. Das gesamte äußere Bild und die Vorgehensweise seien komplizierter geworden, so von Horn.

Der Soziologe vermittelte im Laufe seines Vortrags ein Bild der Rechtsextremisten, das dazu aufforderte, heute wachsamer denn je zu sein. Gerade weil sie nicht mehr so offensichtlich zu erkennen seien, müsse man sich mehr mit Szene beschäftigen. Die rechte Szene besitze eigene Musik- und Modenamen. Aus Unwissenheit habe eine große Kaufhauskette Kleidung des Herstellers »Thor Steinar« kurzfristig ins Sortiment aufgenommen, berichtete von Horn. Desweiteren wies er auf die Modemarke »Consdaple« hin, in deren Namen sich die Abkürzung NSDAP verstecke.

 

Anlaufstelle: Tattoo-Studios

 

In einschlägigen Tattoo-Studios ließen sich die Anhänger der rechten Szene oft Symbole stechen, wie etwa Runen, die »Schwarze Sonne«, Zahlen wie »88« (zweimal der achte Buchstabe des Alphabets: HH für Heil Hitler) oder »18« (der erste und achte Buchstabe des Alphabets für Adolf Hitler). Auch hier mahnte von Horn, nicht alle Runen seien gleich mit Rechtsextremismus in Verbindung zu bringen. So sei etwa »Thors Hammer« auf fast jedem Mittelaltermarkt zu finden. Viel wichtiger seien die eigenen Bekleidungsgeschäfte und Tattoo-Studios aber als Kommunikationszentralen für die Szene. In Sachen Kommunikation seien die Rechtsextremisten auf dem neuesten Stand der Technik. Dabei spiele mittlerweile auch das Internet eine sehr große Rolle. Es gebe inzwischen sogar Single-Börsen der Rechten im Internet. Diese seien für Außenstehende auf den ersten Blick nicht zu erkennen, da jeder Hinweis in Schrift oder Symbolik fehle. Warum Single-Börsen so wichtig sind, erklärte der Soziologe damit, dass ein neuer Partner der häufigste Grund dafür sei, dass Mitglieder der Szene ausstiegen.

Auch hob von Horn die neue Taktik der Rechtsextremisten hervor, sich durch Spenden für Vereine und wohltätige Zwecke beliebt zu machen und sich auch in Vereinsvorstände wählen zu lassen. Säßen sie fest im Sattel, gäben sie ihre wahre Gesinnung bekannt und hofften darauf, dass ihre Mitbürger sie weiter gewähren lassen mit der Begründung: »Er ist zwar ein Rechter, aber er macht doch seine Arbeit gut.«

Als »Einstiegsdroge« bezeichnete von Horn die Musik der rechten Szene, die oft als kostenlose Schulhof-CDs in Massen verteilt würde. Nach ersten Erfahrungen mit der Indizierung seien die Texte weniger eindeutig geworden, um strafrechtlich keinen Ansatzpunkt zu bieten. Die Rechtsextremen zielten hierbei besonders auf die 12- bis 14-Jährigen, erklärte der Dozent.

 

NPD keine »Altherren-Partei«

 

Eine der rechten Szene nahestehende Partei, die NPD, habe ein Durchschnittsalter von 25 Jahren, sei also weit entfernt von einer »Altherren-Partei«. Diese Verjüngung sei eine Folge der Wende 1989. Allerdings sei Rechtsextremismus kein Problem der neuen Bundesländer. Umfragen hätten ergeben, dass die Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland öfter zu finden sei, Antisemitismus dagegen in Westdeutschland häufiger auftrete. Insgesamt würden nach Untersuchungen etwa acht bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung dem rechtsextremen Gedankengut nahestehen, und daraus könne die Szene ihre Mitglieder schöpfen.

Für die besorgten Eltern hatte von Horn nur den Rat, die Augen offen zu halten, die Kinder und ihren Umgang zu beobachten und auch darüber zu diskutieren. Die Argumente der Rechten seien unlogisch und leicht auszuhebeln. »Man muss es nur tun«, riet von Horn.

Der Wetteraukreis sei in Hessen ein kleiner rechtsextremer Leuchtturm, hatte Helge von Horn eingangs gewarnt. Dagegen möchte die Bürgerinitiative »Grätsche gegen Rechtsaußen« in Echzell etwas tun und lädt alle Bürger zum Mitmachen ein. Ansprechpartnerin ist Petra Köhler-Nau. Sie ist während der Sprechzeiten (montags und mittwochs von 20 bis 22 Uhr und freitags von 9.30 bis 12 Uhr) unter Telefon 01 51/1 95 88 58 zu erreichen sowie unter der E-Mail-Adresse nettenachbarn@yahoo.de

 

 

Quelle: http://www.wetterauer-zeitung.de/Home/Kreis/Staedte-und-Gemeinden/Echzell/Nicht-abwarten-bis-die-Situation-eskaliert-_arid,159907_regid,3_puid,1_pageid,78.html#null

 

 

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