SCHLÜCHTERN "Ich hätte mir meinen Abtritt schlechter vorstellen können", resümierte Hans-Jürgen Heldmann an seinem letzten Arbeitstag als Jugendreferent der Stadt Schlüchtern - er wird an die Beruflichen Schulen in Gelnhausen "ausgeliehen".
Grund für seine Zufriedenheit war ein gut besuchter Informationsabend zum Thema Rechtsextremismus in der Schlüchterner Synagoge - und womöglich die Tatsache, dass er am Freitag auch seinen 57. Geburtstag feierte.
Die Symbolik war ohnehin kaum zu überbieten: An dem Ort, der während der Reichspogromnacht fast vollständig zerstört worden war, und dem Tag, an dem die Nazis vor 76 Jahren die Macht im Deutschen Reich übernommen hatten, erklärte der Kasseler Soziologe Helge von Horn - eingesprungen für den an Grippe erkrankten Politikwissenschaftler Dr. Reiner Becker - , dass sich die Erkennungsmerkmale der rechten Szene gewandelt hätten. "Die Bomberjacke gehört eigentlich der Vergangenheit an. Die Szene unterliegt nicht mehr einem bestimmten Dresscode", sagte von Horn. Die Folge: Rechtsextreme seien wesentlich schwerer eindeutig als solche zu identifizieren und trügen immer häufiger "normale" Kleidung. "Es gibt sogar rechtsextreme Punker", machte von Horn deutlich.
Jugend als Zielgruppe
Der promovierte Soziologe, der mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus für das "Hessische Beratungsnetzwerk" tätig ist, zeigte im Anschluss, dass derlei Zeitgenossen leicht zu entdecken sind, wenn man imstande ist, ihre Symbole und Schlagworte zu deuten. Während Hakenkreuz und Reichskriegsflagge eindeutig (und zudem verboten) sind, gebe es auch subtilere Symbole, die sich zu einem Großteil an germanische Runen und Mythologie anlehnten. Oftmals machten Neonazis sich auch Symbole der linken Szene zu eigen. Auch bestimmte Zahlen haben für extreme Nationalisten eine tiefere Bedeutung (siehe Kasten).
Modemarken wie "Thor Steinar", "Doberman" oder das wegen seiner Buchstabenfolge in der Mitte beliebte "Consdaple" richteten sich speziell an Neonazis. "Selbst Kaufhäuser nehmen diese Marken wegen der hohen Nachfrage kurzzeitig ins Sortiment auf", erzählt von Horn. "In Teilen von Mecklenburg-Vorpommern kann Thor Steinar sich durchaus mit Adidas und Nike messen."
Der Referent ging auch auf Werbemethoden und Strukturen der braunen Kameraden ein. "Die rechtsextremistische Agitation hat sich auf die Jugend als Zielgruppe eingeschossen", erläuterte von Horn. Dafür spräche unter anderem die Verteilung der so genannten Schulhof-CDs mit rechtsradikaler Musik. Schon der Kopf der britischen Rockband Skrewdriver, Ian Stuart Donaldson, wollte Musik als "ideales Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen", erkannt haben. Diesen Eindruck bestätigt auch von Horn: "Ich hatte noch keine Schulklasse, in der CDs von ´Landser´ (vom Bundesgerichtshof als kriminelle Vereinigung eingestufte Neonazi-Band, d. Red.) noch nicht kursiert sind."
Jugendcafe hat eventuell noch Zukunft
Die rechte Szene sei zudem im Internet sehr präsent und biete mittlerweile sogar Auktionsportale und Singlebörsen für Gesinnungsgenossen an. Helge von Horn bemerkte spöttisch: "Das einzige, das ihnen noch fehlt, ist das Online-Banking - aber da arbeiten sie dran." Er wies auf die Gefahren hin, die diese Kommunikationsform mit sich bringt: "Selbst aus dem hintersten Dorf kann man Kontakt aufnehmen."
An den Vortrag schloss sich eine Diskussionsrunde an, bei der einige Teilnehmer Zweifel an der Schulbildung Rechtsradikaler äußerten. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die denken gelernt haben, so viel Dummheit von sich geben können", sagte eine Diskussionsteilnehmerin. Von Horn hielt dem entgegen: "Das sind vielfach Leute, die aus ganz normalen Familien kommen und aufs Gymnasium gehen." Sein Lösungsansatz lautet: "Man kann mit Aufklärung das Klima so verändern, dass diese Leute ernsthafte soziale Konsequenzen befürchten müssen."
Auch Schlüchterns Bürgermeister Falko Fritzsch (SPD) sagte: "Das ist das Erschreckende für mich, dass hochintelligente Menschen genauso anfällig sind. Es wird ein Dauerthema sein, wie wir damit umgehen. Aber schlichtes Hinnehmen ist auch nicht hinnehmbar."
Eine gute Nachricht hatte Fritzsch aber auch parat: "Im Magistrat überlegen wir gerade, möglicherweise befristet jemanden einzustellen, um zumindest das Jugendcafé in Verbindung mit der Schulsozialarbeit beizubehalten."
Von unserem Volontär
Daniel Franzen
Quelle: http://www.fuldaerzeitung.de/newsroom/kinzigtal/dezentral/kinzigtal/art14187,793366
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